Andy Warhol (1928-1987)
Der Maler, Graphiker und Filmemacher Andy Warhol, von tschechischer Abstammung, gehört zu den Leitfiguren der Pop Art. Er wird vor allem bekannt durch die ironische Stilisierung und serielle Vervielfältigung von Alltagsgegenständen und Konsumgütern,
mit denen er die traditionelle Auffassung von Kunst und Ästhetik radikal in Frage stellt. 1945-1949 studiert er Kunstgeschichte, Soziologie und Psychologie am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh. 1949 zieht er nach New York, wo er bis 1957 als
Illustrator für Glamour Magazine als Werbegraphiker und Bühnenbildner arbeitet. 1957 erhält er die Art Directors Club Medal für seine Schuh-Anzeigen. Nach einer Italienreise, in deren Verlauf ihn vor allem Florenz begeistert, widmet er sich ganz der Kunst.
1952 findet seine erste Einzelausstellung in der New Yorker Hugo Gallery statt.
Um 1960 beginnt er mit stark vergrößerten
Comic-Strip-Versionen. Es folgen Serienbücher von Dollarscheinen, Campbell-Suppendosen und anderen Objekten des täglichen Gebrauchs. Zunächst sind diese Arbeiten noch handgemalt, ab 1963 stellt er ähnliche Bilder als Multiple-Serien im Siebdruckverfahren
her, die durch seine Mitarbeiter in der
»Factory« beliebig reproduzierbar sind. Während der sechziger Jahre beschäftigt er sich mit Filmen - einige von ihnen gelten heute als Klassiker des
Undergroundfilms -, die auf dem gleichen monotonen Wiederholungsprinzip beruhen, das er für seine Bilder entwickelt hat: Eat (mit Robert Indiana),
Sleep (6 Stunden) oder Empire (8 Stunden). Immer wieder beschäftigen ihn Themen wie Ruhm und Erfolg, und in den siebziger Jahren beginnt er amerikanische Volksidole wie Jackie Kennedy, Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor und Elvis Presley zu malen. Er benutzt
auch Motive aus den Bereichen Erotik und Gewalt für Serien über Auto- und Flugzeugunfälle und den Elektrischen Stuhl.
Warhol ist wahrscheinlich der bekannteste unter den Pop-Künstlern. Warhols Werk wird seit 1952 häufig ausgestellt, seit 1964 auch in Europa. Er beteiligt sich an allen wichtigen Gruppenausstellungen der Pop Art und ist 1968, 1970 und
1972 auf der Biennale in Venedig und 1968 und 1977 auf der
Documenta 4 und 6 in Kassel vertreten, Wichtige Retrospektiven finden 1976 in Stuttgart und Düsseldorf und 1978 in Zürich statt. 1980 wird er Produktionsleiter der
Andy Warhol's TV auf Kabel. 1982 bis 1986 entstehen Katastrophen-Bilder. 1982 stellt er auf der
Documenta 7 die Oxidations-Serie und Bilder der Nazi-Architektur aus. 1986 entstehen die Portraits
Lenins und Selbstbildnisse.
1987 stirbt er er an den Folgen an einer Operation.
Uwe Kurz
Andy Warhol: Rorschach Paintings
von Mia Fineman
übersetzt von Uwe Kurz
Die Rorschach-Gemälde Andy Warhols, in einem ungeheueren
Ausbruch von Aktivität 1984 produziert, haben die Art von Starqualität, die Warhol immer bewunderte.
Verfügbar, urtümlich und mit einer verlockenden Freiheit, spiegeln sie Ihre eigenen Wünsche und Phantasien
wider. Im Sinne des Versprechens von Superstar Nico (»Ich möchte dein
Spiegel sein«), werden diese Abbildungen das sein, was auch immer Sie wollen.
Die gesamte Serie der Rorschach-Gemälde, viele wurden bisher noch nie
öffentlich gezeigt, werden auf einer großen Ausstellung sowohl in der Gagosian-Gallery
in Soho als auch auf der Madison Allee gezeigt. Es werden 38 Gemälde gezeigt,
die Straße hinauf seine mittelgroßen symmetrischen schwarzen Flecken auf weißem
Hintergrund, während die Straße herunter seine kleineren Arbeiten,
einschließlich einer Wand aus Gemälden mit schmetterlingsähnlichen Klecksen in
auffälligen Tönen von rosa, gelb, seegrün, veilchen- und kobaltblau zu sehen
sind. Sieben übergroße Leinwände, jede ungefähr 10 mal 14 Fuß einschließlich der
zwei auf der Westwand, die aus glitzernden Goldflecken bestehen und an Rokoko-Tapeten erinnern, füllen den weiten zentral gelegenen
Platz. Viele der Gemälde - besonders die großen
- haben eine eigenartige Form von physischer Präsenz. Neben den unleugbar genitalen Bildern
beschwören die symmetrischen Netze starker, dickflüssiger Farbe, die von Warhols Technik
des Gießens und Faltens übrig geblieben sind, die fleischige Körperlichkeit
von Lungen oder Nieren herauf.
Hermann
Rorschach, der Schweizer Psychiater, der den Test erfand, war selbst ein frustrierter Künstler, dessen
Schulfreunde ihn wegen seines Interesses am Zeichnen prophetischerweise mit dem
Spitznamen »Klecks« bedachten. Im realen Rorschach-Test wird ein Patient gebeten, zu beschreiben, was er in 10 standardisierten
Klecksen sieht. Ausgebildete Fachleute
vergleichen dann die Antworten mit den Normwerten einer Kontrollgruppe und deuten
daraus die unentdeckten dunklen Geheimnisse des Versuchsobjektes, seine Intelligenz und sexuelle
Vorlieben.
Obgleich Warhol erklärte, dass er kein tiefergehendes Wissen über die standardisierten Flecken des
offiziellen Rorschach-Tests habe, war er offensichtlich fasziniert von ihrer Serieneintönigkeit und
formellen Unpersönlichkeit. In seiner brillanten, unnachahmlich trockenen Art erklärte er:
Ich versuchte, mich mit den Klecksen zu beschäftigen, um in ihnen wirklich lesen und über sie schreiben zu können, aber ich hatte nie wirklich die Zeit, das zu tun. Deshalb wollte ich jemanden anzustellen, der in ihnen lesen sollte. Ich wollte vortäuschen, dass ich derjenige war, damit die Antworten ein wenig ... interessanter sein würden. Weil alles, was ich sehen würde, wäre das Gesicht eines Hundes oder so etwas wie ein Baum oder ein Vogel oder eine Blume. Jemand anders würde es besser können.
Warhol hat niemals wirklich einen analytischen Ghostwriter engagiert, aber Gagosian
schaffte es, die außergewöhnliche Kunstkritikerin Rosalind Krauss zu einer
interessanten Aussage über die
Gemälde zu bewegen. In ihrem recht anspruchsvollen Katalog- Aufsatz sieht Krauss die Rorschach-Serie als »parodistische
Vision der Farbfeldabstraktion«, als freche Korruption der »stain paintings«
von Helen Frankenthaler und Morris Louis, Kenneth Noland und Jules Olitski. Wenn die Farbfeld-Maler den
fleischlichen Schmutz des abstrakten Expressionismus überwinden wollen,
Gemälde in den körperlosen Raum reinen Sehens verschieben möchten, dann hat, wie Krauss
sagt, Warhol diesen unterschwelligen Hoffnungen und Bemühungen »den Stecker
gezogen« und daran erinnert, dass keine Form jemals so unschuldig abstrakt sein
kann, als dass sie nicht wieder in einen literarischen Zusammenhang zurückgeführt
werden könnte - sei es ein Baum, ein Vogel oder eine Blume.
Es
ist zutreffend - dies sind abstrakte Gemälde ohne den schweren Hauch verschlüsselter
Unklarheit und vager Tiefgründigkeit, der viele abstrakte Kunstwerke umgibt. Es
gibt den Rorschach-Gemälden eine demokratische Do-it-yourself-Qualität: Sie können in
ihnen lesen, was auch immer Sie wollen, es gibt keine falschen Antworten. Gehen
Sie hin und sehen
Sie sich die Ausstellung an, die besten Eingebungen haben Sie, wenn Sie ein wenig
müde sind, wenn ihre rationaler Schutzmechanismus geschwächt ist, wenn Sie etwas
aussortieren müssen von dem Müll, der sich zwischen Ihren Ohren angesammelt.
So habe ich es auch gemacht und ich erzähle Ihnen jetzt, was ich gesehen habe:
-
eine blühende Iris;
-
einen Solarplexus;
-
einen unheimlichen Springteufel (Jack-in-the-box);
-
Jimmy Durantes Nase;
-
ein Paar Flamencotänzer in einer Schüssel Cornflakes;
-
ein schemenhaftes Portrait von Groucho Marx;
-
eine springende schwarze Katze;
-
den »Lonely Ranger« mit einer bösartigen Hautkrankheit;
-
das Gesicht eines grimassierenden Clowns;
-
einen erschreckten Elefanten;
-
einen Doppelfötus mit aufgerollten Endstücken;
-
einen Grizzlybär, der seinen Kopf in eine Guillotine steckt;
-
eine durch Mutation entstandene Variation von Micky Maus, die ihren eigenen Schwanz ableckt;
-
zwei gegenüberstehende Seepferdchen, die einen Penis küssen;
-
eine Vampirfledermaus, die auf einen kopflosen nackten Mann herabschwebt;
-
ein riesiges, die Wand heraufkriechendes Insekt, dessen Exkremente wie ein Hahn geformt sind;
-
eine Atombombe, die über dem Mann im Mond explodiert.
Die weitere Ausdeutung überlassen Sie am besten einem ausgebildeten Psychologen.
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Der Zufall in der Kunst