Niki de Saint Phalle (1930-2002)
Die französische Bildhauerin und Malerin wird 1930 in
Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren. Ihre Eltern ziehen 1933 nach New
York, von wo sie 1951 nach Frankreich zurückkehrt.
1956 entstehen
die ersten Assemblagen. In St. Gallen stellt sie zum ersten Mal alleine aus. Ab 1961
veranstaltet sie mit ihrem Mann Tinguely Happenings und beginnt ihre
»Schießbilder« zu produzieren. Sie nimmt Kontakt zur Gruppe »Nouveaux
Réalistes« in Paris auf. In New York nimmt sie an der Ausstellung »The
Art of Assemblage« im Museum of Modern Art teil.
1964 beginnt sie,
ihre bekannten farbenfrohen und voluminösen Frauenfiguren, die sogenannten
Nanas, zu modellieren. 1966 installiert sie eine riesige begehbare
Frauenskulptur (»Hon«) im Moderna Museet
in Stockholm (nach der Ausstellung demontiert) und gestaltet weitere »Skulpturenhäuser«. 1967 bestreitet sie eine Einzelausstellung im Stedelijk Museum,
Amsterdam.
1968 beteiligt sie sich an der Ausstellung »Dada,
Surrealism and their Heritage« im New Yorker Museum of Modern Art. Eine
weitere Einzelausstellung findet 1976 im Museum Boymans van Beuningen in
Rotterdam statt.
1979 beginnt sie mit dem Aufbau des Skulpturenparks
Tarotgarten (»Giardino dei Tarocchi«) in Garavicchio bei Grosseto in der Toskana. Zusammen mit ihrem
Mann realisiert sie den Brunnen »La Fontaine Strawinsky« in Paris. 1988
nimmt sie an der Biennale von Venedig teil. 1993 findet eine weitere
Einzelausstellung im Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris statt.
Eine große Schenkung ihrer Werke ging 2000 an das Sprengel Museum in Hannover, eine weitere 2002 an das MAMAC in Nizza.
Niki de Saint Phalle verstirbt nach langer,
schwerer Krankheit im Mai 2002 in San Diego (USA) an den Folgen des
jahrelangen ungeschützten Umgangs mit ihrem bevorzugten Werkstoff Polyester.
Uwe Kurz
Über die Schießbilder
Niki de Saint Phalle, die vor allem mit den farbenfrohen Plastiken ihrer Nanas
bekannt geworden ist, berichtet über die einzelnen Phasen ihrer künstlerischen Arbeit in Form von Briefen, die
sie jeweils an eine Freundin bzw. einen Freund adressiert, aber nicht abschickt.
Der Brief, in dem sie über ihre Schießbilder (TIR) schreibt, ist an ihren frühen Förderer
Pontus Hulten, den damaligen Direktor des Moderna Museet in Stockholm adressiert:
Lieber Pontus, Du hast mich nach den Schießbildern gefragt. Eines Tages, im Frühling 1961 besuchte ich die Ausstellung >Comparaisons< in Paris. Ein Relief von mir hing in der Ausstellung. Es hieß >Portrait of my Lover<, hatte eine Zielscheibe als Kopf, ein Männerhemd und eine Krawatte waren auf schwarz gemaltem Hintergrund geklebt. Auf einem Tisch lagen Pfeile, die die Besucher auf den Männerkopf werfen sollten. (...) Nicht sehr weit von meiner Arbeit entfernt hing ein vollkommen weißes Gipsrelief (...), was wäre, wenn das Bild bluten würde - verwundet wäre, so wie Menschen verletzt sein könnten. Das Bild wurde für mich zu einer Person mit Gefühlen und Empfindungen. Was wäre, wenn sich hinter dem Gips Farbe befände? Ich erzählte Jean Tinguely von dieser Vision und von meinem Wunsch, ein Bild bluten zu lassen, indem ich auf es schoß.
In ein altes Brett schlugen die beiden Nägel, damit der Gips haften blieb, und brachten neben allerhand Schrott und Abfall mit Farbe gefüllte Plastiktüten an. Dann schossen sie darauf.
Ich begann, Spraydosen mit Farbe zu benutzen, die, wenn sie von einer Kugel getroffen wurden, einen besonders raffinierten Effekt ergaben. Ganz so wie bei den Bildern der Abstrakten Expressionisten, die zu der Zeit entstanden.
Niki de Saint Phalle war sich der aggressiven Handlung, auch wenn sie nur symbolisch gemeint war, durchaus bewusst. Zugleich empfand sie die Schießphase als einen Vorgang der Befreiung von Normen, die ihr in einem gutbürgerlichen Elternhaus und in einer Klosterschule vermittelt worden waren.
Das Bild war das Opfer. WER war das Bild? Daddy? Alle Männer? Kleine Männer? Lange Männer? Große Männer? Fette Männer? Männer? Mein Bruder John? Oder war ich ICH das Bild? (...) Ich schoß auf MICH SELBST. Die Gesellschaft mit ihrer UNGERECHTIGKEIT. Ich schoß auf meine eigene Gewalttätigkeit und die GEWALT der Zeit. Indem ich auf meine eigene Gewalt schoß, brauchte ich sie nicht länger mit mir herumschleppen wie eine Last. Während der Jahre, in denen ich schoß, war ich keinen einzigen Tag krank. Es war eine großartige Therapie für mich!
aus: E. Brügel: Praxis Kunst Zufallsverfahren, Hannover (Schroedel), 2000
Niki de Saint Phalle official website
http://www.nikidesaintphalle.com
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Über den Zufall in der Kunst