Justinus Kerner (1786-1862)
Justinus Kerner wird am 18.9.1786
in Ludwigsburg als sechstes und jüngstes Kind eines Oberamtmanns und
Regierungsrats geboren. Seine Kindheit verlebt er in Maulbronn und Ludwigsburg, wo er die Lateinschule
besucht und eine kaufmännische Lehre absolviert. Von 1804 bis 1808 studiert er in Tübingen Medizin, daneben
pflegt er den Umgang mit einem Kreis von Freunden der lyrischen Dichtung, unter ihnen
Ludwig Uhland, Karl Mayer, Heinrich Köstlin, Varnhagen von Ense.
Seine ersten Gedichte veröffentlicht Justinus Kerner 1807/08 in
Seckendorfs »Musenalmanachen« und in Arnims »Zeitung für Einsiedler«. Eine einjährige Bildungsreise führt ihn im Frühjahr 1809 nach Hamburg, wo er in einem von seinem Bruder geleiteten Spital
arbeitet; von dort aus besucht er Fouqué und Chamisso in Berlin. Im Herbst 1809
reist er weiter nach Wien, pflegt dort Umgang mit Dorothea und Friedrich Schlegel und
lernt Beethoven kennen.
Ab 1810 wirkt er als praktischer Arzt in verschiedenen kleinen
schwäbischen Orten und lässt sich 1819 in Weinsberg nieder. 1811
schreibt er seine »Reiseschatten«, eine Collage aus Briefen. In Zusammenarbeit mit
den schwäbischen Dichterkollegen Uhland und Schwab erstellt er zwei Sammelwerke, den »Poetischen Almanach für das Jahr 1812« (Herausgeber Kerner) und den »Deutschen Dichterwald« (Herausgeber Kerner, Fouqué und Uhland).
1816 entsteht die Erzählung »Die Heimatlosen«, 1817
die Satire »Der rasende Sandler«.
1817-1819 greift Kerner mit einigen Aufsätzen in die württembergischen Verfassungskämpfe
ein, zieht sich aber später auf eine politikfeindliche Innerlichkeit zurück. Sein 1822 in Weinsberg erbautes Haus
wird zu einem der geistigen Zentren Württembergs.
1824 schreibt er die »Geschichte zweyer Somnambülen. Nebst einigen anderen Denkwürdigkeiten aus dem Gebiete der magischen Heilkunde und der Psychologie«,
1826 gibt er weitere Gedichte heraus (erweiterte Ausgaben 1834, 1841, 1847 und 1854).
1829 entsteht »Die Seherin von Prevorst« - Eröffnungen über das innere Leben der Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere.
Eine Dramatische Farce mit dem Titel »Der Bärenhäuter im Salzbade«
erscheint 1835. 1840 gibt er das »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit«
heraus mit Erinnerungen aus den Jahren 1786 bis 1804.
Ab 1851 erblindet er zunehmend. 1852 erscheint ein weiterer
Band mit Gedichten (»Der letzte Blüthenstrauß«). 1853
erscheint »Die somnambülen Tische - zur Geschichte und Erklärung dieser Erscheinung«.
1856 schreibt er die Biografie über »Franz Anton Mesmer aus Schwaben, Entdecker des thierischen Magnetismus«.
1859 wird ein weiterer Gedichtband mit dem Titel »Winterblüthen«
veröffentlicht.
Justinus Kerner stirbt am 21.2.1862 in Weinsberg. Seine
Abhandlung über die »Kleksographien« wird 1890 posthum von seinem Sohn Theobald
Kerner herausgegeben.
Uwe Kurz
Justinus Kerner: Die Kleksographie
Es wird wohl manchem bei Lesung und Betrachtung dieser Blätter vielleicht zu
Sinne kommen, wie er schon in frühester Jugend durch Zerdrückung von kleinen,
färbenden Beeren, ja gar Fliegenköpfen usw. auf zusammengelegtem Papier, ohne
Kunst, ohne Hülfe von Bleistift und Pinsel, Zeichnungen hervorgehen sah. Dessen
erinnere ich mich auch noch aus meiner Jugend.
Die Zunahme meiner halben Erblindung war die Ursache, daß ich es in diesem
jugendlichen Spiel weiterbrachte; denn dadurch fielen mir, wenn ich schrieb,
sehr oft Dintentropfen aufs Papier. Manchmal bemerkte ich diese nicht und legte
das Papier, ohne sie zu trocknen, zusammen. Zog ich es nun wieder voneinander,
so sah ich, besonders wenn diese Tropfen nahe an einen Falz des Papiers gekommen
waren, wie sich manchmal symmetrische Zeichnungen gebildet hatten, namentlich
Arabesken, Tier- und Menschenbilder usw. Dies brachte mich auf den Gedanken,
diese Erscheinung durch Übung zu etwas größerer Ausbildung zu bringen.
Das Verfahren und die dadurch entstandenen Bilder teilte ich schon vor sieben
Jahren vielen meiner Freunde aus der Nähe und Ferne mit, auch wurden sie sehr
oft in Albums von Freundinnen mit einer Erklärung durch einen von meiner Hand
geschriebenen Vers begehrt, auch in Lotterien zu Stuttgart und Dresden, die
wohltätige Frauen zum Besten der Armen veranstaltet hatten, für solche
gewinntragend freudig aufgenommen.
Dieses Spiel mit den dicken Klecksen verbreitete sich auch damals bald unter
vielen und wurde eine Zeitlang in unserer Gegend und auch in der Ferne fast zu
einem Modespiel von Alten und Jungen, selbst in Schulen oft zum großen Jammer
der Lehrer. Ein Liebhaber dieser Kunst in Stuttgart hat sogar, wie ich höre,
derlei Dintenbilder durch Lithographie vervielfältigen lassen.
Schon vor sieben Jahren gab ein geistreicher Freund der Kunst und des Humors
der Art, solche Bilder aus Dintenklecksen zu machen, den Namen der Kleksographie.
Auch die in diesen Blättern gegebenen Bilder entstanden auf keine andere Weise.
Ich will hier nur noch etwas ausführlicher wiederholen, wie solche Bilder
entstehen und auch diese entstanden.
Dintenkleckse (schwäbisch Dintensäue), die auf der Seite des Falzes (auf
dessen rechter oder linker Seite, aber nie auf beiden) eines zusammengelegten
Papiers gemacht werden, geben (nachdem man das Papier über dieselben legte und
sie dann mit dem Ballen oder dem Finger der Hand bestreicht), kraft ihrer
Doppelbildung, die sie durch ihr Zerfließen und Abdruck auf dem reinen Raume
der anderen Seite der Linie erhalten, der Phantasie Spielraum lassende Gebilde
der verschiedensten Art. Bemerkenswert ist, daß solche sehr oft den Typus längst
vergangener Zeiten aus der Kindheit alter Völker tragen, wie zum Beispiel Götzenbilder,
Urnen, Mumien usw. Das Menschenbild wie das Tierbild tritt da in den
verschiedensten Gestalten aus diesen Klecksen hervor, besonders sehr häufig das
Gerippe des Menschen. Wo die Phantasie nicht ausreicht, kann manchmal mit ein
paar Federzügen nachgeholfen werden, da der Haupttypus meistens gegeben ist. So
kann z.B. ein Menschenbild in seiner ganzen Gestalt und Bekleidung
herauskommen, jedoch vielleicht ohne Kopf, Hand usw., wo, was auch in
Nachstehendem geschehen, hie und da das Fehlende leicht zu ersetzen ist.
Bemerkt muß werden, daß man nie das, was man gern
möchte,
hervorbringen kann und oft das Gegenteil von dem entsteht, was man erwartete.
Es kamen also auch diese hier gegebenen sogenannten Hadesbilder nicht durch
meinen Willen und durch meine Kraft hervor, ich bin der Zeichenkunst ganz unfähig,
sondern sie kamen auf jene oben beschriebene Weise allein durch Dintenkleckse
zutage und erforderten dann oft gar keine, oft nur unerhebliche Nachhilfe durch
einige Federstriche oder durch künstliche Nachzeichnung von Gesichtern.
Zu bemerken habe ich auch noch, daß diese Bilder natürlich nicht nach dem
Texte, sondern daß der Text nach ihnen gemacht wurde, und so möge auch der
Leser und Betrachter dieser Blätter sie und ihre Erklärung in Versen mit
Nachsicht aufnehmen.
Im Februar [18]57
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Der Zufall in der Kunst